Die Firma EyeQuant hat eine Eye-Tracking Studie mit über 200 eCommerce Webseiten durchgeführt und ist auf drei sehr überraschende Ergebnisse gestoßen. Diese möchte ich Euch natürlich nicht vorenthalten.

Vorab aber noch eine kleine Info zu EyeQuant:
EyeQuant hat es sich zur Aufgabe gemacht, Algorithmen zu entwickeln, die Computer dazu befähigen, das World Wide Web aus der Sicht des Menschen zu betrachten. Um dieses Ziel zu erreichen führt EyeQuant regelmäßig Eye-Tracking-Studien mit einer Reihe von Testpersonen und Websites durch. Aus den daraus gesammelten Daten leiten sie dann entsprechende Muster bzw. Algorithmen ab, welche  Blickverläufe sozusagen “vorhersagen” können. So ist es möglich allein durch die “Augen” des PCs Eye-Tracking-Studien durchzuführen, ohne das auch nur ein einziger Proband anwesend ist.

Für diese Studie wurde ein Test mit insgesamt 46 Teilnehmern durchgeführt und die Ergebnisse mit ihrem Vorhersagemodell verglichen. Das dabei genutzte Modell ist derzeit noch in der Testphase und weist eine Genauigkeit der Vorhersagbarkeit von 75% im Vergleich zu ihrem Standardmodell mit 90% auf. Das nur zur Info…

Die Ergebnisse

1. Gesichter wecken immer und sofort unsere Aufmerksamkeit
Dies scheint wohl nicht der Fall zu sein. Laut Design-Guidelines heißt es ja immer wieder, dass Gesichter unsere Aufmerksamkeit wecken oder lenken, während sie gleichzeitig auch Empathie vermitteln (siehe hierzu auch “Die Magie der Gesichter“).

Wir haben zwar eine Vorliebe für Gesichter und sogar einen ganz eigenen Bereich im Gehirn, welcher allein für die Gesichtserkennung unter dem Namen “Gyrus fusiformis” zuständig ist, aber so viel Beachtung scheinen wir Gesichtern dann doch nicht zu schenken…

Eye-Tracking Ergebnis: Gesichter scheinen für den Menschen weniger interessant zu sein - ThinkNeuro!
Eye-Tracking Ergebnis: Gesichter scheinen für den Menschen weniger interessant zu sein (Quelle: EyeQuant Blog)

Auch scheint das Lenken der Aufmerksamkeit durch den Effekt der Spiegelneuronen nicht so einflussreich zu sein, wie bisher angenommen.

Eye-Tracking Ergebnis: Spiegelneuronen scheinen weniger Einfluss auf unser Verhalten zu haben als Gedacht - ThinkNeuro!

Eye-Tracking Ergebnis: Spiegelneuronen scheinen weniger Einfluss auf unser Verhalten zu haben als gedacht (Quelle: EyeQuant Blog)

 

2. Große Schrift lenkt und erzeugt viel Aufmerksamkeit
Auch hier scheint es sich um einen Mythos zu handeln. Die Ergebnisse zeigen, dass große Buchstaben sogar einen negativen Effekt haben können. EyeQuants These: Eventuell hat die sogenannte “Banner-Blindheit” einen Einfluss auf die Wahrnehmung großer Typographie. Es könnte aber auch sein, dass große Buchstaben ausgeblendet werden, da sie für das Auge schwerer zu erfassen sind.

Eye-Tracking Ergebnis: Eine große Schrift kann sich negativ auf die Aufmerksamkeit auswirken - ThinkNeuro!

Eye-Tracking Ergebnis: Eine große Schrift kann sich negativ auf die Aufmerksamkeit auswirken (Quelle: EyeQuant Blog)

 

3. Das Wort “Kostenlos” zieht uns magisch an.
Jeder hat das bestimmt auch schon selbst miterlebt: Sobald es etwas umsonst gibt, werden die Menschenmassen nur so magisch angezogen = Unsere Aufmerksamkeit ist geweckt. Gleiches soll auch für das Wort “Kostenlos” gelten. Die Ergebnisse zeigen aber, dass dieses Wort nicht wirklich die Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat.

Eye-Tracking Ergebnis: Das Wort "kostenlos" ist kein Magnet für Aufmerksamkeit - ThinkNeuro!

Eye-Tracking Ergebnis: Das Wort “kostenlos” ist kein Magnet für Aufmerksamkeit (Quelle: EyeQuant Blog)

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Meine Meinung dazu

Die Ergebnisse sind schon echt überraschend. Besonders die Insights über die Gesichter und Spiegelneuronen. Irgendwie kann ich mir das nicht so ganz vorstellen. Vielleicht sollte man den gleichen Text nur nochmal mit der Hilfe eines Hirnscanners durchführen. Vor allem weil bei dem Levis-Beispiel der Blick des linken Mannes einen auf den darunter liegenden Text lenkt (=Spiegelneuronen-Effekt). Das mit den großen Buchstaben kann ich aber noch ganz gut nachvollziehen unter dem Gesichtspunkt, dass der Text eventuell wie Werbung ausgeblendet wird oder das Auge diesen einfach nicht gut erfassen kann.

Bei Punkt 3 bin ich mir über die Aussagekraft der Ergebnisse nicht so ganz sicher. Wenn man sich den Screenshot nochmal näher anschaut, dann ist zu erkennen, dass das Wort “kostenlos” immer groß geschrieben ist. Wenn wir der These folgen, dass große Buchstaben aufgrund von “Banner-Blindheit” ausgeblendet werden oder diese vom Auge schwer zu erfassen sind, dann müsste doch eigentlich das der Grund sein, warum das Wort “kostenlos” in diesem Fall nicht als Aufmerksamkeits-Anker funktioniert hat…

Wie dem auch sei, die Idee hinter EyeQuant finde ich dennoch super. Inwiefern man es wirklich schaffen kann einen Computer dazu zu befähigen, die Welt mit den Augen eines Menschen zu sehen, ist natürlich sehr fraglich. Aber: Nichts ist unmöglich! Wer hätte vor 50 Jahren gedacht, dass wir mit Smartphones und Tablets durch die Welt stiefeln?

Quelle Titelbild: asenat, Gift, http://www.flickr.com/photos/72153088@N08/6510934443/
Quelle Inhalt: EyeQuant Blog



 
 

Über die Autorin

Autorin von ThinkNeuro! ist Olivia Shepherd. Innerhalb ihres Blogs beschäftigt sie sich mit nahezu allen Facetten des Neuromarketings, der Usability sowie der User Experience. Derzeit ist sie als Usability & UX Consultant bei einer Online-Agentur tätig.